Ausschnitte aus den Kapiteln 

1 Einleitung (S. 7)

3.6 Frauenstimmrecht Gegner*innen - Die umgekehrten Suffragetten (S.30)

6.2 Die ersten Stände- und Nationalrätinnen(S.72)

6.3 Ein paar Eindrücke - Die ersten kommunalen und kantonalen Politikerinnen(S.72)

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EINLEITUNG

 

Wenn in Geschichtsbüchern von Menschen zur Zeit X gesprochen wird, dann sind damit meist Männer gemeint. Wenn Frauen gemeint sind, dann steht immer explizit «Frau» geschrieben. Ist es nicht tragisch, dass die Hälfte der Menschheit nur in geisterhafter Weise in unserer Geschichtserzählung vorkommt? Dass man sich immer fragen muss, ob Mensch gleich Mensch oder Mensch gleich Mann ist? Die Vergangenheit der Menschheit besteht in gleicher Weise aus der von Männern, wie auch der von Frauen und Nichtbinären. Wir lernen Geschichte, um durch die Vergangenheit zu lernen und um besser verstehen zu können, weshalb heute die Dinge so sind, wie sie sind. Wenn (einzelne) Menschen in der Geschichtsschreibung nicht erscheinen, weil sie nicht festgehalten werden, dann fehlt uns ein Teil der Vergangenheit und somit entspricht das Bild, das man von dieser früheren Zeit hat, auch nicht der Wirklichkeit.

 

Inklusion und Exklusion in der Geschichte hat mich schon immer interessiert. Was war mit den Frauen, den Jugendlichen, den Kindern? Denn es wird meist nur über Männer geschrieben. Über Männer, die Geschichte machten. Über Männer, die in Kriegen kämpften, Länder entdeckten, Politik machten. Geschichte ist enger mit Politik verknüpft, als man vielleicht denken mag. Politik, an der sich Frauen, speziell auch in der Schweiz, lange nicht beteiligen durften.

 

Ich kann mich an kein Thema mehr erinnern, das nicht im Entferntesten etwas mit Politik zu tun hatte. Der Absolutismus, die Französische Revolution, der Imperialismus, der Kalte Krieg. Vermutlich könnte ich jedes einzelne Thema, das ich jemals in Geschichte behandelt habe, aufzählen. Politik war niemals kein Thema und auch heute ist Politik immer ein Thema. Es gibt kein Leben ohne Politik.

 

Als es darum ging, mich für ein Maturitätsarbeitsthema zu entscheiden, wusste ich ziemlich schnell, dass ich etwas in Richtung Geschlechtergleichstellung machen möchte. Das Frauenstimmrecht war das erste Thema, das mir dazu einfiel. Obwohl ich nach weiteren Themen suchte, liess mich das Thema

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«Die Frau gehört ins Haus, sie soll Mutter sein und fertig», war eine Ansicht, die viele Männer sowie Frauen vertraten. Man(n) nahm an, dass Frauen zu schwach und zu empfindsam für Geschäft und Politik seien. LENI ROBERT erzählt, dass Männer den Frauen lange eingeredet hatten, dass Politik ein Drecksgeschäft sei oder etwas für «Mannsweiber», die nichts anderes zu tun hätten und keinen Mann fänden. Das sei übrigens immer ein Argument gewesen, wenn eine Frau in der Politik war, dass sie eben ein frustriertes Wesen sei, meint LENI ROBERT. Eine Doppelmoral. Eine Frau ohne Mann muss also frustriert sein, weil sich ihr ganzes Dasein nur um das Frau- und Muttersein dreht. Ein Mann hingegen, dessen Erfüllung in dessen Selbstverwirklichung steht, braucht nicht zwingend eine Frau. Niemand tuschelt, wenn ein Mann keine Beziehung hat. Niemand fragt ihn, ob er nicht bald Kinder bekommen möchte. Niemand bezeichnet ihn als frustriert.

 

Andere hielten die politischen Rechte für Frauen schlicht und einfach überflüssig, dass es auch nicht besser käme, wenn Frauen abstimmen könnten und dass Frauen sowieso gleich wie ihre Ehemänner stimmen würden. Einerseits ging es nie darum, dass Frauen es besser könnten als Männer, sondern um eine grundsätzliche Frage der Gerechtigkeit. Andererseits stimmen Ehefrauen nicht zwingender Weise wie ihre Ehemänner. Es gab aber auch Leute, die befürchteten, dass Frauen eben anders als ihre Männer stimmen werden. Linke Kreise hatten Angst, dass Frauen bürgerlich wählen würden und bürgerliche Kreise fürchteten sich vor einem Linksrutsch.

 

Häufig gehörte und gemachte Aussagen lauteten wie folgt: «Die meisten Frauen wollen das gar nicht» oder «Ich will das nicht» oder «Meine Frau möchte das nicht.» Dieser pure Egoismus, dass wenn man etwas selbst nicht will oder braucht, es auch keinem anderen zustehen sollte, sah man auch später bei der Debatte um die Mutterschaftsversicherung. Nicht einmal alle Schweizer Männer gingen damals abstimmen, weshalb machte man dann so, als würden plötzlich alle Frauen dazu gezwungen werden? Natürlich sind mit Rechten auch Pflichten verbunden, die wahrgenommen werden müssen. Eine Wahl hat man aber trotzdem. Das schien einer Gegnerin des Frauenstimmrechts, die einen Leser*innenbrief in der Thurgauer Zeitung schrieb, nicht bewusst zu sein. Ihr Brief wurde in der Ausgabe des 28. Januars 1971 abgedruckt, also etwas mehr als eine Woche vor der zweiten eidgenössischen

jetzt meinem Mann jedes Wort um.» HANNA SAHLFELD-SINGER setzte sich dafür ein, dass die anderen Ausnahmeartikel 1973 per Volksabstimmung aus der Bundesverfassung verschwanden. «Das betraf das Beschäftigungsverbot der Jesuiten und das Verbot zur Neugründung von Klöstern. Ich habe gerade darum gekämpft, dass Rechtsgleichheit für alle gilt, auch wenn die Geschichte des 19. Jahrhunderts, das anders hinterlassen hat», erklärt sie. Der Artikel 75, der 1971 ihretwegen noch soviel zu reden gab, sei bei der Totalrevision der Bundesverfassung 1999, einfach sang- und klanglos verschwunden, erzählt sie.

 

Als HANNA SAHLFELD-SINGER in den Nationalrat kam, konnte sie noch nicht kantonal abstimmen. Sie fand es merkwürdig zwar Bundes-Politikerin zu sein; nichtsdestotrotz kommunal und kantonal kein politisches Mitspracherecht zu haben. «Es fehlten mir die Frauen, die mich auf Anliegen aufmerksam machten, die aus den Gemeinden oder dem Kanton kamen, die dennoch auf Bundesebene zu lösen waren. Ich war dankbar, wenn mich Briefe erreichten, in denen bestimmte Probleme geschildert wurden. Ich habe dann darüber nachgedacht, mich mit Juristen beraten und je nachdem ein Postulat oder eine Einfache Anfrage dazu eingereicht», erzählt sie.

 

 

6.3 Ein paar Eindrücke – Die ersten kommunalen und kantonalen Politikerinnen 64

 

«Die Welt wurde während Jahrhunderten von Männern für Männer eingerichtet. Das geht in die feinsten Verästelungen. Zum Teil kommt man in Geflechte, in denen das Ganze sehr schwierig ist, dass man nicht irgendwo anstösst», erzählt LENI ROBERT. In einen Bereich, den Männer für sich allein eingerichtet hatten, seien nun also Frauen hineingekommen. Es war ein Aufbruch in einen neuen Tätigkeitsbereich. Man habe sich aneinander gewöhnen müssen und es sei für beide Seiten ein interessanter Lernprozess gewesen, erzählt sie. «Ich denke, dass es nicht nur den Politikerinnen und Politikern so ging, dass das ein Lernprozess von beiden Seiten war. Das war immer in solchen Berufen so, [seien das nun Pilotinnen oder Politikerinnen]. Man musste sich am Anfang immer gegenseitig finden und abtasten. Es war ein Aufbruch.»

 

 

64 Dieses Unterkapitel beruht auf den Gesprächen mit LENI ROBERT, MONIKA STOCKER und SUSANNE LEUTENEGGER OBERHOLZER.

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